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Schlangendorf - Multikulti am Dnepr?

Städte und Regionen der Ukraine

Ein Streifen Land am Westufer des Dnepr, 12 Werst lang und 6 breit, viel Steppe und etwas Flussniederung mit magerem Gras, das dem Vieh nur wenig Nährstoffe bietet. Der Steppenboden ist nicht unfruchtbar aber sandig und braucht viel Wasser. Doch die Wolken regnen, wie zum Hohn, über dem Fluss ab, über den Sümpfen und Seen. Bis in die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts gibt es nur einen einzigen Brunnen und der ist nicht besonders ergiebig.

In dieses Land führt Zarin Katharina im Jahre 1781 ehemalige schwedische Leibeigene von der Ostseeinsel Dag. Hier sollen sie siedeln, Vieh züchten, Äcker bestellen – eine neue Heimat finden. Fast ein Jahr waren sie unterwegs, vom August des Vorjahres bis zum 1. Mai und wohl um die 1200 „Seelen“, Frauen, Männer, Kinder. Schon der lange Weg forderte seine Opfer, dann starben im ersten Jahr 318 und 116 im zweiten - an der Ruhr, dem ungewohnten Klima, vielleicht auch aus Heimweh. Dreißig Familien überleben, 64 Frauen und 71 Männer. Dazu kommen 1794 noch einmal 30 kriegsgefangene Landsleute und dann auch zwei Familien mit einem gemeinsamen Urahnen aus dem italienischen Städtchen Scala. Aber die Kolonie scheint vom Aussterben bedroht.

Ein Versuch, Leute aus der Umgebung von Danzig anzusiedeln, scheitert. Schon ein Jahr später verlassen sie die unwirtliche Gegend. 1804 dann kommen neue Siedler aus Polen, Österreich, der Schweiz, Elsass-Lothringen, den deutschen Ländern Württemberg und Hessen, Baden und Preußen.
Anfangs bei den Schweden untergebracht (hier scheint es keine Probleme gegeben zu haben), beginnen sie im Frühjahr des nächsten Jahres mit dem Bau ihrer Häuser. Und sie beschweren sich bei der Obrigkeit: tüchtige Landwirte wären sie, aber auf den Bau von Häusern verstünden sie sich nicht! Nur einen Baumeister hätte man ihnen geschickt, um sie bei der Arbeit anzuleiten. Für 65 Familien immerhin wären Gehöfte zu errichten. Die Behörden bleiben hart: ein Landwirt müsse sich auch handwerklich zu helfen wissen.

Ein Schmied kommt dazu, Andreas Quadrizius, der hat in Cherson beim Bau von Katharinas Festung mitgearbeitet und bekam zur Belohnung von der Zarin ein Tatarenmädchen. Noch ein Jahrhundert später wird sich dieses Erbe in den Gesichtern seiner reichen Nachkommenschaft spiegeln.

Der Anfang bleibt hart – wie bei den Schweden – die Fluktuation in der Kolonie ist groß; Fieber, Ruhr und das ungewohnte Klima fordern ihren Tribut. 1855/56 kommt mit den einquartierten Soldaten des Krimkrieges der Typhus. Trotz allem geht es allmählich aufwärts, bei den Deutschen wie bei den Schweden. Anfang des 20. Jahrhunderts leben in Schwedendorf und in den drei deutschen Siedlungen Schlangendorf(Smijewka), Mühlhausen und Klosterdorf um die 2400 „Seelen“. Es gibt 1652 Pferde, 1574 Stück Hornvieh, 210 Mähmaschinen und 530 Wagen. Die meisten Gehöfte schöpfen ihr Wasser aus eigenen Brunnen. Kein Paradies, aber man kann leben.

Doch der Traum von einem bescheidenen, langsam steigenden Wohlstand, zu dieser Zeit in ganz Europa geträumt, bleibt unerfüllt. Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts erreichen auch das Land am Dnepr: 1. Weltkrieg, Revolution und Bürgerkrieg, Kollektivierung und die Hungerkatastrophe in der Ukraine, danach der Terror Stalins. Im Spätsommer 1941 kommt die Wehrmacht mit ihren staubbedeckten Panzern, und als sie drei Jahre später wieder geht, da folgen ihnen auch die Kolonisten. Die Rote Armee bleibt ihnen auf den Fersen, holt sie ein im besiegten Deutschland. Und überredet sie zur Rückkehr an den Dnepr. Also besteigen sie die Viehwaggons gen Osten - und verlassen sie erst wieder in Archangelsk, hoch im Norden, an der Mündung der Dwina ins Weiße Meer. Zurück an ihren Dnepr ließ man sie erst 1956 in der Zeit des Tauwetters unter Chrustschow nach dem Tod Stalins. Es folgten die ruhigen, die normalen Sowjetjahre mit bescheidenem Wohlstand.

Als die westliche Welt in den späten 80ern „Gorbi“-Gorbatschow als neuen Hoffnungsträger entdeckte und eine interessierte Öffentlichkeit dessen Reformen, Glasnost und Perestroika bewunderte, ernährten sich die Menschen in Smijewka von Viehfutter, um nicht zu verhungern – der angestrebte wirtschaftliche Umbau hatte zum endgültigen Zusammenbruch der maroden Sowjetwirtschaft geführt.

Die Zeiten scheinen sich beruhigt zu haben. Selbst die Rente wird wieder pünktlich ausgezahlt. Was man sich vom wenigen Geld nicht leisten kann, wächst im eigenen Garten.

Viele Deutsche gibt es heute nicht mehr im Dorf und auch nicht viele Schweden, vielleicht noch 20. Aus den alten Heimatländern kommt Unterstützung. So ist die alte Kirche wieder aufgebaut worden. Zum Gottesdienst kommen auch Ukrainer. Gepredigt wird in Deutsch, dazu gibt es eine russische Übersetzung. Das Kreuz vor der Kirche markiert die Überreste von vier deutschen Soldaten, die bei den Kämpfen am Dnepr den Tod fanden. Ein weiteres Kreuz am nördlichen Dorfausgang weist auf einen alten verwilderten Friedhof der deutschen Kolonisten. Wenn man sich die Mühe macht, kann man unter dem dicken Gebüsch noch die alten Grabsteine finden.


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