Juden in der Ukraine, das ukrainische Judentum

Konfessionen und Glaubensrichtungen in der Ukraine


Die jüdische Religion versammelte für viele Jahrhunderte große und starke Glaubensgemeinschaften in den Städten und Siedlungen der heutigen Ukraine. Bis heute erinnern Bücher, Bilder und architektonische Meisterleistungen vom Schaffen und dem großen Einfluß der Juden durch lange Zeiten.

Die ersten Juden siedeln sich im 8. und 9. Jahrhundert n.C. auf der Krim an. Es handelt sich um Karaäer und Chasaren, die aus Zentralasien und dem Kaukasus einwandern. Sie gründen auf der Krim Städte, die eine zu dieser Zeit beispiellose Kulturblüte erleben. Noch heute künden die Höhlenstädte Tschufut- Kale und Eski- Kermen von dieser Zeit.

 

Im Mittelalter erlebt der westliche Teil der heutigen Ukraine Einwanderungswellen jüdischer Emigranten, die vor Verfolgung und Progromen aus Westeuropa und Böhmen flüchten. Sie lassen sich in Galizien, der Bukowina und Podolien nieder, später wandern die Juden weiter bis nach Kiew und Odessa. Man läßt Juden hier siedeln, denn sie sind bekannt für hervorragende Handwerkskünste und Geschick im Handel. Sie arbeiten als Wirte, Händler, Geldleiher und Steuereintreiber. So entstehen im 16. und 17. Jahrhundert große jüdische Siedlungen, heute bekannt unter dem Begriff "Shtetl", die noch heute unter anderem in Belz, Lemberg, Sadhora, Czernowitz, Medzhibisch, Bratzlaw, Nemirow, Ternopol, Uman und Odessa (Moldovanka) zu besichtigen sind.

Doch der Fleiß und Erfolg der Juden wird nicht von jedem geachtet, von vielen bäuerlichen Ukrainern widerfährt Ihnen Neid und Hass. Die Auseinandersetzung der Religionen findet im Zusammenleben der Christen und Juden auch hier eine starke Reibungsfläche. Anfeindungen und Gerüchte führen zu einer noch stärkeren Isolierung der jüdischen Gemeinden gegen andersreligiöse Bewohner. Neid und Hass entladen sich im 17. Jahrhundert in mehreren Progromen. Hierbei spielt der ukrainische Nationalheld Bogdan Chmelnizki eine negative Rolle, der während seines Aufstandes gegen die polnischen Fürsten auch jüdische Dörfer und Siedlungen überfällt, ausraubt und zehntausende Juden ermordet.

Trotz dieser Übergriffe wächst die jüdische Bevölkerung stetig und die jüdische Religion entwickelt sich. Neue Strömungen entstehen und geben der jüdischen Religion bis heute erkennbare Impulse. Der Chassidismus verbindet die strenge Rückbesinnung auf den jüdischen Glauben als "rotem Faden" des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens mit einer schwärmerischen Mystik, der Kabbala. Der Begründer dieser Bewegung, Israel Ben Elieser (Baal Schem Tow) lebte und wirkte in Brody und Medzhybizh (Medzhibisch, Medzhibosch), heute ein Wallfahrtsort der chassidischen Juden aus aller Welt.

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Sein Urenkel, Rabbi Nachman von Bratzlav, gründete im Chassidismus eine weitere Strömung, indem er in das Zentrum der chassidischen Religionsgemeinschaft des Zaddik setzte, einen charismatischen Gemeindevorsteher, der ähnlich einem Messias seiner Gemeinde im Gebet eine erlösende Kraft verleihen kann. In der Vorstellung Rabbi Nachmans ist der Zaddik unsterblich und führt seine Gemeinde bis heute durch das gesprochene Wort, "denn das Wichtigste ist, was er aus dem Munde des Zaddiks hört", auch über dessen Tod hinaus. Er lebte und wirkte u.a. in Uman, welches heute für gläubige Chassiden ein wichtiges Pilgerziel darstellt.

Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelt sich innerhalb der jüdischen Gemeinde im Kaiserreich von Österreich und Ungarn eine Reformbewegung. Angestoßen durch die Gleichstellung aller Religionen 1772 haben Juden die Möglichkeit, bedeutende gesellschaftliche Positionen einzunehmen und es setzt eine schrittweise Assimilierung der Juden in der k.u.k.- Gesellschaft ein. In deren Resultat entstehen bis in das 20. Jahrhundert bedeutende kulturelle Meisterwerke in der Literatur (Paul Celan, Rose Ausländer, Alfred Gong, Selma Meerbaum- Eisinger, Moses Rosenkranz, Karl Emil Franzos, Joseph Roth). In den Städten werden beeindruckende Synagogen und Bürgerhäuser errichtet, jüdische Zeitungen erscheinen, populäre jüdische Schauspieler und Musiker werden in Theatern und Opernhäusern gefeiert, in Lemberg wirken bedeutende jüdische Mediziner. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstehen jüdische Parteien, die die Interessen des jüdischen Bürgertums vertreten. Die jüdische Bevölkerung nimmt in diesen Zeiten stark zu und erreicht Bevölkerungsanteile von bis zu 40% in einigen Städten, so auch in Czernowitz.

Im zaristischen Reich und der nachfolgenden Sowjetunion können die Juden solche Errungenschaften und kulturellen Blüten nicht beanspruchen. Stattdessen diktiert Ihnen russischer und später sowjetischer Antisemitismus die engen Grenzen Ihres Seins. Der Zar verbietet den Juden den Zugang zum Studium und die Ausübung bestimmter hochqualifizierter Berufe. Einfache Dinge des Lebens waren streng reglementiert, der Umzug von einem Stadtviertel in ein anderes verboten.

Als die K.u.k.- Donaumonarchie nach dem Ersten Weltkrieg zusammenstürzt, beginnt in den ukrainischen Gebieten und an der einst russisch-polnischen Grenze der Kampf um die frei gewordenen Territorien. Weite Landstriche und jüdische Kulturgüter werden in diesen Kämpfen zwischen den Sowjets und den Polen zerstört. Dazwischen verüben ukrainischen Nationalisten, darunter auch Truppen des umstrittenen Simon Petljura, die Rote Armee als auch die Weißgardisten großflächige Progrome auf die jüdische Bevölkerung Galiziens und ermorden hunderttausende Juden.

In den vierziger Jahren überfallen die Deutschen die Ukrainische Volksrepublik und zerstören systematisch jüdisches Leben. In der Schlucht von Babi Jar (Babyn Jar) am Rande Kiews werden innerhalb von zwei Tagen über 30.000 Kiewer Juden ermordet. Im ganzen Land werden Juden in Massenerschießungen sofort umgebracht oder mit einer ausgeklügelten Logistik in Vernichtungslager verschleppt und dort getötet. Komplette jüdische Gemeinden werden so ausgelöscht. Der Holocaust wütet in der Ukraine bis zur Befreiung durch die Rote Armee und kostet mehr als 1,5 Millionen ukrainischer Juden das Leben. Am Ende des Krieges sind über die Hälfte der Juden in der Ukraine ermordet, geflüchtet, emigriert.

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Damit sind das jüdische Kulturleben und die reiche jüdische Tradition de facto zerstört. In der Sowjetunion, die auf die antisemitischen Tendenzen des alten Zarenreiches aufbaut, werden die Juden zwar nicht vernichtet, aber ausgegrenzt und totgeschwiegen. Der Beitrag der jüdischen Soldaten und Offiziere, die im Zweiten Weltkrieg auf seiten der Roten Armee kämpften, wird heruntergespielt. Zerstörte Synagogen werden zu Lagerräumen der Kolchosen umfunktioniert oder vollends abgerissen, deren Steine im Strassenbau verwendet. Jüdische Studenten werden nicht zum Wunschstudium zugelassen oder massiv benachteiligt, das Gleiche gilt für Juden im gesellschaftlichen Leben – es gibt sie faktisch nicht. Religionsausübung ist den sowjetischen Juden nur unter rigiden Vorgaben erlaubt. Das Resultat ist eine wesentliche Schwächung der jüdischen Gemeinde in der Sowjetunion.

Bis heute ist in der Ukraine Antisemitismus verbreitet und die pauschalen, aber simplen Negativ- Stereotypen über "den Juden" fallen bei manchen Ukrainern auf fruchtbaren Boden. 2000 Jahre religiöse Judenfeindlichkeit und Antisemitismus lassen sich auch hier wie in vielen Teilen der Welt nur schwer bekämpfen.

Dennoch gibt es noch immer jüdische Gemeinden in vielen ukrainischen Städten. Sie wachsen, werden von Ihren Glaubensgenossen außerhalb der Ukraine unterstützt. Neue Synagogen entstehen und geben den Juden in der Ukraine wieder ein Gesicht.

Nach Angaben der ukrainischen Regierung soll die jüdische Gemeinde in der Ukraine die drittgrößte Europas sein.
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