Brody. Beschaulichkeiten in Ostgalizien. Joseph Roth und Baal Schem Tow

Städte & Regionen der Ukraine

Brody, das kleine Städtchen im Herzen Galiziens verdankt seine Bekanntheit beim deutschen Publikum vor allem ihrem prominentesten Sohn, dem Schriftsteller Joseph Roth, der hier geboren wurde und das hiesige Gymnasium besuchte. Seine Romane (Radetzkymarsch, Das falsche Gewicht u.a.), aus denen dem Leser ein Hauch der untergehenden Monarchie entgegenweht, haben dem Städtchen und der galizischen Provinz ein Denkmal gesetzt.

Der Anblick der Ruinen der größten Synagoge Galiziens und der einzigartigen Burg versetzt den Betrachter zurück in die Blütezeiten dieses Zentrums des traditionellen Judaismus. Hier heiratete der siebzehnjährige Baal Schem Tow seine Frau - und hier traf er auch eine seine stärksten Feinde. Hier machten jüdische Händler glänzende Geschäfte über die Grenze und hier wurden tiefschürfende religiös-philosophische Werke geschrieben. Hier lebten im Stadtteil Schwaby die Nachkommen schwäbischer Siedler, aus Brody stammen die Brodersänger (Brodersinger), legendäre Badchonim und Meshorerim (jüdische Vortragssänger).

Zwei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt liegt an einem Kieferwald einer der größten jüdischen Friedhöfe der Ukraine. Hier sind noch zwischen 3.500 und 5.000 Mazewas errichtet. Bis zu 2 Meter große Grabsteine, im Brodyer Schnitzerstil verziert, gehören zu den heute noch sichtbaren Kleinodien der großen jüdischen Vergangenheit Brodys. Die letzte Ruhestelle von vielen Rabbinern, den Großeltern Joseph Roths und der Urgroßmutter von Sigmund Freud lassen sich hier entdecken.

Brody ist schon über 800 Jahre alt und war einst eine Handelsmetropole an der polnischen Grenze. Es erlangte schon relativ früh das Magdeburger Stadtrecht, was den Handel und das innerstädtische Handwerk förderte.

Bedeutsam für die kulturelle Entwicklung der Stadt war die jüdische Bevölkerung, die zeitweise zwei Drittel der Gesamtbevölkerung umfasste. Von hier aus verkündete Rabbi Israel ben Elieser, genannt "Baal Schem Tow" seine Ideen und Vorstellungen eines nicht-asketischen Chassidismus.

Brody erlebte seine Blütezeit in der unter der Herrschaft der österreichischen Monarchie nach 1772. Sie erhielt das Recht der "Freien Handelsstadt", was Brody einen entscheidenden wirtschaftlichen Impuls verlieh.

Nunmehr wurde sie zur zweitgrößten Stadt Galiziens, galt als Transitstation zwischen der Monarchie und dem Russischen Reich. Banken, ausländische Firmen und bedeutende Handelshäuser siedelten sich an. Der wachsende Wohlstand spiegelt sich auch in der wachsenden Zahl öffentlicher Einrichtungen wider, Schulen, Gymnasien und Krankenhäuser werden gebaut, wichtige staatliche Verwaltungsorgane nehmen ihren Sitz in Brody.

Mit dem Zerfall der k.u.k.-Monarchie beginnt auch der Niedergang Brodys. Eine weitere Zäsur ereilt die Stadt in Form des Zweiten Weltkrieges. Die Nazis ermorden nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung, vernichten oder stehlen jüdisches Kulturgut und benutzen die Grabsteine des jüdischen Friedhofs als Straßenpflaster.

Auch auf andere Art erlangt Brody zu dieser Zeit traurige Berühmtheit: Im "Kessel von Brody" starben im Juli 1944 innerhalb weniger Tage mehr als 30.000 deutsche Soldaten während der Rückzugsgefechte, mehr als 15.000 wurden gefangengenommen.

Nach dem Krieg bekommt Brody wie viele andere Städte ein sowjetisches Antlitz, das vom Verfall der historischen wertvollen Kulturdenkmäler gezeichnet ist.

Heute hat der Zahn der Zeit an vielen Gebäuden und Orten tiefe Spuren hinterlassen und einiges weggewischt. Von den früheren zwei Synagogen stehen noch die Außenmauern einer der beiden, der jüdische Friedhof vor den Toren der Stadt ist verwildert, das Schloss gänzlich verschwunden und die Festungsmauern an vielen Orten geschliffen. Dennoch kann man beim Gang durch Brody den Glanz und die Geschäftigkeit der einstigen jüdischen Handelsmetropole spüren.

Mit der ukrainischen Unabhängigkeit wurde begonnen, diese Substanz vor der endgültigen Zerstörung zu bewahren. Dafür wird aber noch sehr viel Geld benötigt.

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