Deutsche Kolonisten in Bessarabien

Deutsche Siedler im Osten


Im Jahr 1774 gelang es Katherina II., dem Osmanischen Reich eine empfindliche Niederlage zuzufügen, seit dem erstreckte sich Russlands Macht bis zu den Mündungen von Bug, Dnepr und Don am Schwarzen Meer und umfasst seit der offiziellen Annexion im Jahr 1783  auch die Halbinsel Krim. Um die so gewonnenen Gebiete, die den offiziellen Namen Noworossia (Neurussland) erhielten, abzusichern und zu erschließen, erteilte Katharina ihrem Vertrauten und Geliebten, Fürst Potjomkin, außerordentliche Vollmachten. Dazu gehörte vor allem die Ansiedlung von Menschen in die neu erworbenen Landstriche. Der Versuch, russische Bauern aus den zentralen Gebieten anzusiedeln, blieb meistens erfolglos, nun sollten diese Gebiete mit treuen und effizient arbeitenden Untertanen besiedelt werden. Als besonders prädestiniert galten deutsche Landwirte, die dem protestantischen Glauben angehörten.

 

Im Vordergrund ihrer Interessen steht, die wirtschaftliche Entwicklung und Kultivierung des Landes voranzutreiben. Den Neusiedlern wurden im sogenannten "Einladungsmanifest" Privilegien versprochen, dazu zählen zum Beispiel Landzuteilung, Religionsfreiheit und die Befreiung vom Militärdienst. Diese Versprechungen wurden zum Auslöser für tausende deutscher Bauern, sich auf den langen Weg ins südliche Moskowiterreich zu begeben. Bisher lebten sie oftmals in feudaler Abhängigkeit und mussten auf den durch Erbteilung immer kleiner werdenden Parzellen wirtschaften. Zudem war der siebenjährige Krieg eben zu Ende gegangen, welcher viele an den Rand ihrer Existenz brachte.

Zar Alexander I. bestätigte im Jahr 1805 die Regeln für die Aufnahme der ausländischen Kolonisten zur Ansiedlung am Schwarzen Meer und löste damit eine weitere Auswanderungswelle aus. Rußland zwang im Frieden von Bukarest die Hohe Pforte zur Abtretung Bessarabiens, ein Landstrich zwischen Dnjestr (Dnister), Prut und dem Schwarzem Meer. Die ursprüngliche Bevölkerung, hauptsächlich nomadische Turkvölker, wurden soweit sie nicht schon mit den Truppen des Sultans geflohen waren, auf die Krim umgesiedelt. Und wieder, wie schon unter Katharina II., gab es einen starken Bedarf an Neusiedlern. Gleichzeitig hatten die Kriege Napoleons in vielen Gebieten Deutschlands zu Not und Hoffnungslosigkeit unter der Landbevölkerung und den städtische Handwerkern geführt. Dazu kamen Zunftzwänge und der religiöse Druck auf protestantische Minderheiten im katholischen Süden. So wurde Bessarabien, jahrhundertelang Pufferregion zwischen den Großmächten, Siedlungsraum für deutsche Kolonisten.

Das Gros der deutschen Siedler kam diesmal aus Schwaben und Preußen. In den Ulmer Schachteln, fuhren die Süddeutschen die Donau flussabwärts und erreichten in den Jahren 1816/17 das Donaudelta am Schwarzen Meer. Trotz zahlreicher Epidemien, Hitze, Kälte und Schiffbrüchen gelang ein Großteil der Passagiere in das neue Land. Den beschwerlicheren Landweg über Warschau nutzen in den Jahren 1814-16 Menschen aus den preußischen Gebieten. Aus dem Königreich Württemberg sind im Jahr 1814 Siedler in das Gebiet ausgewandert. Das russische Gouvernement Bessarabien umfasste eine Fläche von 44.422 km². Zwischen 1814 und 1842 ließen sich etwa 9.000 deutsche Siedler aus Baden, Württemberg, dem Elsass, Bayern sowie Preußen in Bessarabien nieder und gründeten 25 Mutterkolonien. Sie bauten sich aus dem Nichts in der Steppe blühende Dörfer auf und waren Mitbegründer von Alt-Posttal (Maloiaroslavets Druhyi) , Katzbach (Luzhanka), Kulm (Pidhirne) und Wittenberg (Maloyaroslavets Pershyj).

In ihrer 125 jährigen Geschichte waren sie nahezu immer eine bäuerlich geprägte Bevölkerungsgruppe geblieben. Die Neusiedler sollten vor allem die Landwirtschaft auf dem fruchtbaren Schwarzerdeboden verbessern.  Allerdings war die Ankunft oftmals eine Enttäuschung, denn anfangs hausten sie oftmals in selbstgebauten Erdhütten. Das umgebende Land war kaum besiedelt, es war eine Einöde mit zahlreichen sich umhertreibenden Viehherden. Zudem löschten das ungewohnte Klima und Krankheiten ganze Familien aus. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in den deutschen Siedlungen ein geregeltes und eigenständiges Leben. Das Gebiet blühte in wirtschaftlicher, kultureller sowie religiöser Hinsicht auf. Die ersten 13 Mutterkolonien, die gegründet wurden, hießen: Borodino, Klöstitz (Wessela Dolyna), Krasna (Krasne), Tarutino (Tarutyne), Beresina (Beresyne), Kulm, Leipzig (Serpnewe), Wittenberg, Alt-Elft (Sadove), Arzis (Arzis), Brienne (heute Teil von Arzis), Paris (Wesselyi Kut) und Teplitz (Teplytsya). Später kamen zwölf weitere Mutterkolonien hinzu, unter anderem: Katzbach, Gnadental (Dolynivka), Friedenstal (Myrnopillya) und Hoffnungstal (nahe Borodino).

Als wertvollstes Kapital der Neusiedler galten insbesondere das protestantische Arbeitsethos, der wirtschaftliche Erfolg, der als Lohn Gottes für eine fromme Lebensweise angesehen wurde, sowie die Aufgeschlossenheit gegenüber Modernisierungen in  den Bereichen Landwirtschaft und Handwerk. Dabei sind die Anfänge im Steppengürtel nicht unbedingt einfach gewesen. Denn die vorwiegend vorhandenen fruchtbaren Schwarzerdeböden können nur durch gezielte Bewässerung einen reichen Ertrag erbringen. Eine Maßnahme war unter anderem das Bohren von Tiefbrunnen. Weiterhin wurde versucht, durch Kreuzungen der mitgebrachten Tiere mit einheimischen Rassen und findiger Zuchtwahl, sich den neuen klimatischen Bedingungen anzupassen. Zudem musste eine Infrastruktur geschaffen werden, die den wirtschaftlichen und sozialen Ansprüchen der Siedler gerecht wurde. Dafür wurden unter anderem Öl- und Getreidemühlen sowie Dachziegelfabriken erbaut.

Dennoch ist es nicht immer eine Erfolgsgeschichte. Zugesagte Mittel wurden nicht bereitgestellt, Neuankömmlinge sind den harten Anforderungen der ersten Jahre nicht gewachsen und kehren daraufhin frustriert in die alte Heimat zurück. Das Gros aber setzt sich durch. Nördlich des Schwarzen Meeres halten so die Errungenschaften des 19. Jahrhunderts Einzug in der Landwirtschaft.  Moderne Methoden des Düngens und der konsequenten Schädlingsbekämpfung steigern die Hektarerträge. Der Bestand an Pferden und Milchvieh wächst stetig, im Besonderen durch den Einsatz der Veterinärmedizin. Die ersten dampfgetriebenen Dreschmaschinen erscheinen auf den Feldern.

Das Weindorf Schabo (Shabo)


Ein besonderes Beispiel stellt das Dorf Schabo dar, welches sich im Südwesten der heutigen Ukraine befindet. Das Dorf  und seine Umgebung sind damals wie heute ein wichtiger Ort des Weinanbaus. Die ersten Siedlungen gab es hier bereits in der Antike. Während des 15. und 16. Jahrhunderts erbauten die Tataren ein Dorf an jener Stelle. Nach der Eroberung Bessarabiens durch das Russische Reich, litt die Region stark unter der Abwanderung der Bevölkerung ins Osmanische Reich. Daraufhin beschloss Zar Alexander I. diese Region wieder zu bevölkern. Die alten Weinreben wurden durch neue ersetzt und man schaffte es, dass dutzende Familien aus dem Umland zuzogen. Allerdings mangelte es ihnen an Erfahrung im Weinanbau.

Da kam man auf die Idee, Schweizer Kolonisten als Musterwirte ins Land zu rufen. Die Schweizer sollten als Weinbauern die von den Tataren verlassenen Weinberge bestellen. Im Jahr 1820 wurde ein Delegierter vor Ort geschickt, um die Bedingungen zu erforschen. Der Boden und das Klima sind hervorragend für den Weinanbau geeignet, die warme Steppenluft, der sandige Boden und ein einzigartiges Mikroklima auf Grund der Nähe zum Schwarzen Meer bieten perfekte Ausgangsbedingungen für den Weinanbau und den Reifeprozess der Trauben. So schrieb er begeistert von dem Ort  an seine Freunde und forderte sie auf, ihm so bald wie möglich nachzukommen, um schon im nächsten Frühjahr Wein und Kartoffeln anbauen zu können.
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