Die Tarakaniwfestung

Städte & Regionen der Ukraine


Im Zuge der Dritten Polnischen Teilung fielen neue Gebiete an das russische Zarenreich, die gegen das westlich gelegene Kaiserreich Österreich- Ungarn gesichert werden mußte.

Dazu erließ Zar Nikolaus I. Mitte des 19. Jahrhunderts den Befehl, nahe der Stadt Dubno neben dem ostgalizischen Dorf Tarakaniw über dem kleinen Flüßchen Ikwa eine Festung zu errichten. Der russische Imperator wollte mit dieser Anlage an der Reichsgrenze der österreichisch-ungarischen Donaumonarchie eine Bastion entgegensetzen und die strategisch wichtige Bahnlinie von Lemberg nach Kiew beschützen.

Als Planer wurde einer der bekanntesten russischen Festungsarchitekten des 19. Jahrhunderts verpflichtet - Graf Eduard Totleben. Der Bau der Festung sollte das Prestige des Feldherrn Nikolaus´ I. aufwerten - er verschlang 66 Millionen Goldrubel, es wurden nur die besten Materialen verarbeitet, vor allem teure Ziegel und ein ganz neuer, moderner Baustoff - Beton. Doch schon während des Baus wurde klar, dass auf der Festung ein böser Zauber liegt.

 

Ihren Zweck hat die Festung nie erfüllt. Zwar waren in der Festung immer wieder Soldaten verschiedener Streitkräfte einquartiert, als der richtige Krieg (der Erste Weltkrieg) hierher kam, galt sie jedoch schon als veraltet und war geräumt. Nur eine einzige Schlacht tobte um die Tarakaniwfestung - die sogenannte Brusilowoffensive, mit der die Russen 1916 die vorher aufgegebene Festung von den Österreichern zurückeroberten, damit jedoch einen Pyrrhussieg gegen die k.u.k.- Truppen unter Führung Erzherog Franz Ferdinands im Ersten Weltkrieg errangen. Von diesen Kämpfen geben heute die Grabinschriften der hier beigesetzten österreichischen Soldaten Zeugnis.

Heute ist die Tarakaniwfestung unter großen, alten Bäumen versteckt. Der am Anfang schmale Pfad durch den Wald weitet sich mit einem Schlag und man tritt in breite Korridore zwischen den Festungsgebäuden mit ihren hohen Ziegelwänden. Das Objekt wurde in Trapezform errichtet, die Längen der Außenmauern betragen bis zu 240 m. Davor ist es durch einen tiefen Graben mit mehreren vorgelagerten Erdwällen befestigt.

Im zentralen Teil der Festung wurden eine zweistöckige Kaserne gebaut, die durch vier unterirdische Gänge mit dem zweiten Erdwall verbunden ist. In der Kaserne befanden sich die Wohn-, Lager-und Wirtschaftsräume für die Artillerieverbände und die Festungskommandantur. Neben den zentralen unterirdischen Gängen waren auch die Gebäude in mehreren Etagen tief unterbunkert. Heute stehen sie teils unter Wasser, teils sind diese Gänge verschüttet oder unerforscht.

Der Perimeter der Festung bestand aus 105 sogenannten sicheren Kasematten; um sie zu einzunehmen, war es notwendig, eine doppelte Reihe mehrerer Verteidigungslinien zu überwinden. Die unterirdischen Wege führten unter diesen Kasematten hindurch, noch heute kann man das Objekt auf diese Weise betreten.

Die Kasematten der Tarakaniw- Festung war für ca. 800 Mann Besatzung ausgelegt, weiterhin verfügte sie über Fernartillerie. Insofern war sie eine militärtechnische Meisterleistung ihrer Zeit.

Nach dem ersten Weltkrieg begann der Zerfall der Festung. Zum Teil wurde sie militärisch, aber auch zivil mit umstrittenem Erfolg genutzt. Als die Festung zu Polen gehörte, umgab sie ein Garten, in dem viele Tieren lebten. Von der Stadt Dubno führte eine breite Pappelallee bis zur Festung. Später wurden die Erdwälle abgetragen, der Graben zugeschüttet.

Unzählige Legenden ranken sich um die Festung, jeder Bewohner des nahegelegenen Dorfes Tarakaniw kann über geheimnisvolle Gewölbe, Wege, Schätze, Geister und verlorenen Kinder erzählen. Ein Teil dieser Geschichten ist wahr: von Zeit zu Zeit verschwinden hier Leute, Erwachsene ertrinken, manches Schicksal wird nie geklärt.

Nach dem Ersten Weltkrieg blieben in Tarakaniw die Kosaken der Pferdearmee unter General Budjonny. Während des Zweiten Weltkrieges befand sich hier zuerst eine sowjetische Basis und dann kamen die Deutschen (noch heute findet man deutsche Beschriftungen an den Mauern der Ruine). Als eine der Legenden berichten Alteingesessene des Dorfes über 10 deutsche Panzer, die in das Festungsterritorium hineinfuhren und danach nie wieder gesehen wurden. Auch in Sowjetzeiten waren hier Soldaten stationiert, als jedoch zu viele von ihnen in den Katakomben der Festung verschwanden und verloren gingen, wurde die Station verlagert.

In den Gewölben der Tarakaniwfestung gibt es Fallen. In Korridoren kann man auf sechs 4 m tiefe Brunnen stossen, die aus Sicherheitsgründen zugemauert werden mußten. Immer wieder verirren sich illegale Schatzsucher und unbedarfte Neugierige in den Gängen und Höhlen unter der Festung.

Vom hohen Festungswall kann man weit ins Land schauen, bei guter Sicht bis zum Potschajiwer Lawra. Dieses liegt zwar 60 km von der Festung entfernt, aber seine goldenen Kuppeln glänzen sehr hell.

Die Tarakaniwfestung liegt in einer touristisch interessanten Region, in der der interessierte Reisende sich über viele Facetten der ukrainischen Geschichte und Kultur informieren kann. Wenn Sie die Festung besichtigen möchten, beraten wir Sie gern zu weiteren attraktiven Reisezielen in ihrer Nähe und stellen Ihnen vor allem einen ortskundigen deutschsprachigen Reiseführer an die Seite, der Sie sicher in die Festung hinein- und wieder herausführt.
tarakaniw, festung, ukraine
nach oben