Das Hetmanat (Kosakenstaat)

Geschichte der Ukraine


Das ukrainische Territorium war im 15. Jh. von zwei Großmächten besetzt. Den Hauptteil beanspruchte der in Personalunion agierende Doppelstaat Polen-Litauen, während als Nachfolger der Goldenen Horde die Krim- Tataren im Süden und Osten der Ukraine regierten. Durch andauernde Raubzüge der Tataren wurde der Osten der Ukraine zu großen Teilen entvölkert.

Aber auch die Westukraine litt unter den ständigen Überfällen, die vom Krim- Khanat initiiert wurden. Das Königreich Polen-Litauen hatte den Invasoren außer ein paar Grenzbefestigungspunkten wenig entgegenzusetzen. Im Ergebnis der ständigen Unruhen war eine Verschiebung der ukrainischen Bevölkerung nach Westen zu verzeichnen. Feste Wohnsiedlungen südlich von Cherkassy, wo die Steppe beginnt, existierten nicht mehr.

 

Den bestehenden Abhängigkeiten und widrigen Lebensumständen entfliehend zogen ukrainische Bauern, Abenteurer und auch desertierte Tataren Ende des 15 Jh. in die vom Dnepr durchzogene äußerst fruchtbare, wild- und fischreiche Steppenzone. Dort, wo der Dnepr unterhalb von Wasserfällen sich verzweigte und kleine Insellandschaften bildete, gründeten sie bewaffnete Gemeinschaften (Watagen), die in speziellen Booten (Tschaiky) und zu Pferde auf Beutezug gingen. Die Bezeichnung Kosaken, die sie trugen, stammt ursprünglich aus dem tatarischen und bedeutet freie Krieger. Hauptstandort der Kosaken wurde bald die Insel Chortizya, auf der sie eine Festung als Bastion gegen die Tataren errichteten. Sie diente als Vorbild für die hier am Dnepr "hinter den Stromschnellen" (za porohamy) in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts von Dmytro Wyschneweckyj gegründete Saporozher Sitsch.

Ihre Existenz sicherten sich die Kosaken durch Raubzüge, deren Ziel anfänglich tatarische Kaufleute oder Viehzüchter waren. Die Beute verkauften sie in den Städten. Später drangen die Kosaken immer weiter auf tatarisches Gebiet vor. Es ist belegt, dass sie mit ihren Tschaiky (schnellen und leicht manövrierbaren Booten) das Schwarze Meer überquerten und sogar bis Konstantinopel (dem heutigen Istanbul) vordrangen, wo sie Angst und Schrecken verbreiteten.

Die Organisationsstruktur der Kosaken trug demokratische Züge. Oberste Instanz war die Kosakenversammlung, auch Kolo (Ring) genannt. In diesem Gremium wurden nicht nur die Offiziere und der oberste Anführer der Kosaken, der Hetman, gewählt, es fungierte auch als Gericht. Der Hetman besaß weitreichende Kompetenzen, die auch das Recht über Leben und Tod einbezogen. Jeder Kosak war ihm zu absolutem Gehorsam verpflichtet, jedoch konnte der Hetman (auch Getman) durch den Kolo wieder abgesetzt werden.

Mit der Realunion von Lublin im Jahre 1569 und der damit verbundenen gänzlichen Machtübernahme des Königreichs Polen in der Ukraine, setzte eine strukturelle Neuordnung und Stabilisierung des Grenzlandes ein, die wiederum eine Bevölkerungsverschiebung nach Osten und in die Steppengebiete mit sich brachte. Bald schon wurde dem polnischen König Stephan Batory klar, dass die Kosaken eine nicht unbedeutende Rolle bei der Sicherung des Königreichs einnehmen könnten, aber auch innenpolitisch schien es ratsam, die Kosaken, deren Ruf als unabhängige und schwer zu bändigende Truppe mehr und mehr Bekanntheit erlangte, an sich zu binden. So unterstellte er dem Königreich ein begrenztes Kontingent an Kosaken, die so genannten Registerkosaken.

Mit der folgenden massiven Landnahme durch polnische Großgrundbesitzer und einer Neuordnung der Verwaltung in der Ukraine sollte die Polonisierung der Bevölkerung vorangetrieben werden. Während die bis dahin frei lebenden Bauern in die Leibeigenschaft gedrängt wurden, versuchte man sozial höher gestellte Schichten zu assimilieren. Ein entscheidender Schritt dahin schien die Katholisierung der Ukrainer einschließlich des Kampfes gegen den orthodoxen Glauben.

Diese Veränderungen hatten zur Folge, dass sich immer mehr Ukrainer aus allen sozialen Schichten den Kosaken anschlossen und die Ablehnung gegenüber Polen stetig wuchs. Es kam immer öfter zu Auseinandersetzungen, die im Aufstand des Hetmans Bogdan Chmelnizki im Jahr 1648 mündeten, der von den Ukrainern heute noch als Gründungsmythos gefeiert wird. Im Ergebnis dieses Aufstandes rief Chmelnizki einen eigenen Kosakenstaat aus.

Es folgte eine Zeit, in der die Kosaken zum Zwecke ihrer eigenen Unabhängigkeit und der der ukrainischen Bevölkerung mit unterschiedlichen Mächten paktierten. Sie verbündeten sich mit dem Osmanischen Reich gegen die Polen (so in Berestetschko), kämpften an der Seite der Russen gegen Polen, mit denen sie im Jahre 1654 in Perejaslaw einen Vertrag schlossen, der das Hetmanat der Ukraine an Moskau binden sollte. Für Russland stellt dieses Datum noch heute die Wiedervereinigung der nach dem Ende der Kiewer Rus im 13. Jahrhundert entstandenen zwei Staaten und damit die Inkorporation der Ukraine dar.

Die Ukraine aber kam nicht zur Ruhe. Die kriegerischen Auseinandersetzungen endeten im Jahre 1686 mit der Bestätigung des Friedens von Andrusovo, in dem die Teilung des Hetmanats festgesetzt wurde. Die linksufrige Ukraine einschließlich Kiews und der Saporozher Sitsch waren jetzt Moskau unterstellt, die rechtsufrige Ukraine dem Königreich Polen-Litauen.

Die Teilung des Landes bedeutete gleichzeitig das Ende eines einheitlichen Kosakenstaates. Trotz des nochmaligen Aufbegehrens der Kosaken in den Teilhetmanaten konnte die Spaltung nicht mehr rückgängig gemacht werden. Was folgte, waren Kriegszüge von Polen, Russen, Tataren, Türken und Kosaken, die in den 70er Jahren des 17. Jahrhunderts das Land verheerten und eine Fluchtwelle vom rechten ans linke Dneprufer auslösten. Die von den jeweiligen Schutzmächten zugebilligten Privilegien wurden jedoch meistens schnell wieder beschnitten, so dass sich die Kosaken gezwungen sahen, mit ständig wechselnden Mächten zu kooperieren.

Eine letzte Möglichkeit, das Land wieder zu vereinigen, suchte der 1687 zum Hetman der linksufrigen Ukraine berufene Ivan Mazepa. Er kämpfte zunächst an der Seite Peter des Großen im Nordischen Krieg gegen die Schweden. Mit Peters Unterstützung gelang es Mazepa ein letztes Mal, die Hetmanate des linken und rechten Ufers zu vereinigen. Was zunächst wie eine fruchtbare Kooperation zwischen dem Hetmanat und dem Zarenreich wirkte, sollte schon bald ins Gegenteil umschlagen.

In Peters Plänen eines zentral regierten modernen russischen Großreiches hatte die Kosakendemokratie keinen Platz mehr. Auch zeigte sich in den vorangegangen Kriegen, dass das Kosakenheer seine militärische Schlagkraft weitgehend verloren hatte, so dass der Nutzen der Kosaken für das Zarenreich erheblich abnahm.

Der russische Druck wurde beständig größer, die Privilegien der Kosaken in Frage gestellt. Für Mazepa bot das den Anlass zur traditionellen Schaukelpolitik der Kosaken zurückzukehren. Er schloss sich den Schweden an, die sich im Jahre 1708 anschickten auf russisches Territorium vorzudringen. Daraufhin ließ Zar Peter Mazepas Bildnis an einen Galgen hängen, seine Residenz in Baturin dem Erdboden gleich machen und die orthodoxe Kirche exkommunizierte ihn.

Das Kosakenheer war nun gespalten. Ein Teil kämpfte auf russischer Seite, der andere immer kleiner werdende an der Seite Mazepas mit den Schweden. Das entscheidende Zusammentreffen erfolgte im Sommer des Jahres 1709. Bei Poltawa wurde die schwedische Streitmacht inklusive der ca. 3000 Kosaken Mazepas vernichtend vom russischen Heer geschlagen. Ivan Mazepa starb kurze Zeit später im Exil.

In der Folge beschnitt Peter der Große weitgehend die Autonomie des Hetmanats und versuchte dieses in die russischen Verwaltungsstrukturen zu integrieren. Die in der Saporozher Sitsch organisierten Kosaken flohen in das vom Osmanischen Reich kontrollierten Gebiet nördlich der Krim und verlagerten die Sitsch nach Oleschki (heute Zjurupinsk) nahe der Dneprmündung zum Schwarzen Meer. Nach Peters Tod im Jahre 1725 bis zum Amtsantritt Katharinas der Großen 1762 folgten einige Jahre, in denen die Kosaken ein Teil der Privilegien zurück erhielten.

Katharina aber griff die Pläne Peters des Großen wieder auf, das russische Reich zu einem zentral regierten Imperium aufstreben zu lassen. In ihren Augen war das Hetmanat mit einem modernen russischen Reich nicht zu vereinbaren. Sie ließ im Jahre 1764 das Hetman-Amt abschaffen.

Der nächste Schritt im Vorgehen der Zarin gegen die Kosaken ließ nicht lange auf sich warten. Nachdem Katharina die Große das Krim- Khanat mit dem Sieg über das Osmanische Reich im Jahre 1774 an sich reißen konnte, die Ukraine also nicht mehr Grenzland war, stellte sich ihr bald die Frage, welchen strategischen Nutzen die Kosaken für Russland noch bieten konnten.

Im Jahre 1781 galt dann die russische Verwaltungsreform auch für die linksufrigen Ukraine. Dabei wurden bis 1783 alle Regimenter des Kosakenheers abgeschafft und in die russische Armee integriert, das Hetmanat existierte nicht mehr. Auch den Saporozher Kosaken erging es nicht viel anders. Sie, die nach Peters Tod wieder ins russische Reich zurückgekehrt waren, wurden von Katharinas Armee schon Ende der siebziger Jahre vertrieben, ihr Ataman Kalnyschewskyj in das Kloster Solowki im Weißen Meer verbannt.

Die über zweihundertjährige ruhmreiche Geschichte der Saporozher Sitsch fand ihr vorläufiges Ende. Die Kosaken, die fliehen konnten, fanden versprengt an der Donau, dem Kuban oder der Schwarzmeerküste Zuflucht.
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