Die Galiziendeutschen

Deutsche Siedler im Osten


Das osteuropäische Galizien war durch deutsche Besiedlung während des Mittelalters bereits ein erschlossenes und für die damalige Zeit dichtbesiedeltes Gebiet. Die Geschichte der Galiziendeutschen begann damit, dass Polen zwischen 1772 und 1795 dreimal geteilt wurde. In den Petersburger Verträgen von 1772 teilten Russland, Preußen und Österreich ein Drittel des polnischen Staatsgebietes unter sich auf. Nach weiteren Unruhen wurde auch das restliche Polen aufgeteilt. Von 1772 bis 1918 gehörte das sogenannte Königreich Galizien und Lodomerien zur K.u.K.-Monarchie Österreich-Ungarn. Der westliche Teil von Galizien mit der Hauptstadt Krakau gehört heute zu Polen. Wenn hier von Galizien gesprochen wird, dann ist Ostgalizien mit der Hauptstadt Lemberg (Lwiw) gemeint.
  Maria Theresia ließ gleich nach der ersten Teilung Polens in Lemberg die ersten Handwerker aus deutschen Gebieten ansiedeln. Nach dem Tod der Kaiserin 1780 begann unter Kaiser Josef II. die eigentliche Kolonisation. Deutsche Fachkräfte sollten für eine Verbesserung der schlechten wirtschaftlichen Lage sorgen. Durch das Ansiedlungspatent aus dem Jahr 1781 wurden die notwendigen Bedingungen für eine Ansiedlung von Bauern und Handwerkern festgelegt. Das zusätzlich angelegte Toleranzpatent ermöglichte außerdem erstmals die Ansiedlung von Andersgläubigen im katholischen Österreich.

Die Werber des Kaisers versuchten vor allem Siedler aus dem Saarland zu gewinnen, denn diese Gegend war durch häufige Kriege mit dem Nachbarn Frankreich besonders verarmt. Die Habsburger unterstützten die Ansiedlung der Deutschen durch die Zusicherung von Privilegien. Der angestrebte Modernisierungsprozess des Landes erschien vielen Handwerkern aus Südwestdeutschland als eine gute Existenzgrundlage, um einen Neuanfang zu wagen. Etwa um 1774 siedelten sich die ersten Handwerker in Lemberg an.

Der Weg von der Pfalz nach Ostgalizien ist etwa 1.500 km lang. Die Anreise mit der gesamten Familie gestaltete sich schwierig und aufwendig. Die meisten Pfälzer zogen zunächst nach Ulm, denn von dort aus fuhr man auf der Donau in den sogenannten Ulmer Schachteln bis nach Wien. Die Flussschiffe waren einfach gebaut und wurden, am Ziel angekommen, meist als Brennholz verwendet. Von Wien aus ging es den beschwerlichen Landweg weiter in Richtung Osten.

Mit dem Tod des Kaisers endete die erste Auswanderungswelle. Eine zweite schloss sich unter Kaiser Franz an, welche jedoch deutlich weniger Menschen nach Galizien führte.

Zwischen den Jahren 1782 bis 1785 zog es rund 3.200 Familien aus der Pfalz nach Galizien. Zwischen 1802 und 1805 wanderten weitere Kolonisten aus den deutschen Westgebieten sowie den österreichischen Gebieten nach Galizien ein. Die Behörde für Ansiedler war darauf bedacht, Kolonisten gleichen Glaubens möglichst in einer Siedlung anzusiedeln. Von den etwa 163 deutschen Orten waren 90 rein evangelisch, 50 rein katholisch und die anderen Orte waren gemischt-konfessionelle Siedlungen.

Bei der Ortsnamensgebung der deutschen Kolonien in Galizien zu österreichischer Zeit, wurden sehr viele Personen-Eigennamen berücksichtigt. Allen voran der des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation Joseph II sowie der des Grafen von Falkenstein. So entstanden Ortsnamen wie Falkenstein (Sokolowka), Josephsberg (Korosnyzja), Kaisersdorf (Kalyniw) oder Königsberg (Wola Zarczycka). Einige andere Siedlungen erhielten ihren Namen nach hohen Beamten oder aus anderen Gebieten der Habsburger Monarchie, so zum Beispiel die Orte Bruckenthal (heute Ortsteil von Khlivchany), Dornfeld (Ternopillja), Kranzberg (heute Teil von Dubljany) und Einsingen (Dewjatyr).

Bis 1939 gab es mehrere Bevölkerungsgruppen in Ostgalizien. Neben den Deutschen lebten vor allem Ukrainer, Polen, Juden und Armenier im Gebiet, wobei jede Volksgruppe ihre eigene Kultur pflegte. Eine multikulturelle Gesellschaft im Sinne einer Vermischung der Kulturen stand damals noch nicht im Vordergrund. Die deutschen Siedler nahmen jedoch eine Vorreiterrolle für die übrige Bevölkerung ein.
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