Ukrainische Vor- und Frühgeschichte

Geschichte der Ukraine


Fast sind sie verschwunden, die scheinbar endlosen Steppen nördlich des Schwarzen Meeres. Sie zogen sich hin von der Donau im Südwesten bis weit in die Mongolei und an die Grenzen Chinas. Nur noch einige kleine Enklaven haben sich erhalten: Bei Askania Nova, um die Ruinen der alten Griechenstadt Olbia an der Mündung des Bug und auf der Krim. Ein gewaltiger Raum, durchzogen von Millionen Menschen in den letzten Jahrtausenden. Weiter im Norden, wo Niederschläge reichlicher fielen, wechselten sich Wald und Steppe ab, bis schließlich die Welt zu einem einzigen Wald wurde.

Hier nutzten die Menschen den für sie so wichtigen Rohstoff Holz, das Treibmittel jeglicher Kultur. Feuer wärmt, macht das Essen schmackhaft und verdaulich, verwandelt weichen Ton in harte kunstvoll verzierte Gefäße. Später wird man mit seiner Hilfe Erze verhütten, gießen und schmieden frühe Handwerker Sicheln, Beile, Schmuck und Schwerter aus Kupfer, Bronze und zuletzt Eisen.

Die ältesten Spuren menschlicher Anwesenheit fanden sich bei Korolevo an der Theiß in Transkarpatien, bei Shytomyr in Wolhynien, am Dnestr (Dnister, Dnjestr) und in der Saporoshiza (Region Saporizhja). Es handelte sich dabei um einfache Faustkeile und andere Feuersteinwerkzeuge die von der Forschung dem Jung-Acheuléen (ca. 350.000 – 150.000 v. Chr.) zugeordnet werden.

 

Es ist die Zeit, in der sich in Europa aus dem Homo erectus der an das rauere Klima der Eiszeiten optimal angepasste Neandertaler entwickelt. Leider fehlen in der Ukraine Skelettreste aus dieser Zeit. So bleibt vorerst ungeklärt, ob wir es bei den Werkzeugen noch mit solchen des Frühmenschen und seiner Verwandten im Altpaläolithikum oder schon mit ersten Neandertalern zu tun haben.

Deren große Zeit war das Mittelpaläolithikum (ca. 300.000 – 40.000 v. Chr.), als das Gebiet der späteren Ukraine Neandertaler-Land wurde. Zahlreiche Fundstellen zeugen von der starken Präsenz unserer etwas ungeschlacht wirkenden Verwandten. Berühmt ist der heute vom Wasser eines Stausees überspülte Fundort von Molodowa. Hier fanden Archäologen in der untersten Schicht Reste früher menschlicher Behausungen. Auch an Skelettmaterial besteht nun kein Mangel.

Auf der Krim kamen in der Höhle von Kiik-Kobá neben einer Vielzahl von Steinwerkzeugen auch die Skelette zweier Individuen, eines Erwachsenen und eines Kindes, zu Tage. Dabei scheint der Erwachsene ein regelrechtes Begräbnis in einer zu diesem Zweck ausgehobenen Grube bekommen zu haben. Die Krim war auch eines der letzten Rückzugsgebiete des Homo sapiens neanderthalensis. Erst vor rund 30.000 Jahren verlieren sich dort endgültig seine Spuren.

Zu dieser Zeit reichte der teilweise mehrere Kilometer dicke polare Eisschild weit in den Süden hinein. Vor diesem breiteten sich endlose Kältesteppen aus, durchzogen von gewaltigen Herden heute ausgestorbener Großsäuger wie Mammut, Wollnashorn, Steppenwisent und Riesenhirsch. Diese machten das scheinbar unwirtliche und menschenfeindliche Land zu einem Paradies. Es ist die Welt, in der Ayla, die Heldin des Romanzyklus Jean M. Auel’s geboren wird und aufwächst.

Bei Mezhirin in der Zentralukraine wurden 1965 die Reste einer aus Mammutknochen errichteten, rund 15.000 Jahre alten Hütte ausgegraben. Da es in den Steppen an Holz mangelte, dienten die gewaltigen Knochen dieser mit einem dichten Haarkleid bedeckten Elefanten als Baumaterial. Neben jeder Menge, im Dauerfrostboden gut zu lagernder, Fleischmassen lieferten die Tiere auch Leder, Fett, Sehnen und Haare. Wie in Mezhirin, konnten auch bei Mezin, Pushkari und Kostenki derartig bedeutende Freilandstationen untersucht werden, diese Funde verteilen sich teilweise über mehrere Quadratkilometer. Im Verlauf der Jahrtausende hatten die mit den Herden ziehenden Menschen diese Plätze immer wieder aufgesucht.

Vor etwa 12.000 Jahren begann die heutige, Holozän genannte Warmphase. Allmählich zog sich das arktische Eis zurück und mit ihm auch die riesigen Herden, um weit im Norden Sibiriens und auf den Inseln des nördlichen Eismeers eine letzte Zuflucht zu finden und allmählich auszusterben.

Zu dieser Zeit entdeckten die Menschen in der Levante und den Bergländern der südwestlichen Türkei sowie Westirans die Vorzüge bäuerlicher Lebensweise. Nicht umsonst wurden diese Regionen später als Fruchtbarer Halbmond bezeichnet. Von dort aus erreichte in den folgenden Jahrtausenden sowohl über Anatolien und den Balkan als auch den Kaukasus und das Dongebiet neolithische Hightech die Täler von Dnestr, Bug und Dnepr (Dnjepr). Um 6.000 v. Chr.  tauchen erste, noch ungefüge Gefäße aus gebranntem Ton auf. In manchen von ihnen fanden sich auch die Abdrücke früher Getreidesorten. Einiges spricht dafür, dass auch schon Rinder und Schweine gehalten wurden.

Der Westen der Ukraine, das Tal des Dnestr, war gegen 5.000 v. Chr. Teil einer ersten gesamteuropäischen Kultur: der Bandkeramik. Hausbau und feste Siedlungen, ein einheitlicher Stil bei Keramik und Werkzeugen erstreckte sich vom Pariser Becken bis hierher in den Osten.

Damit war die solide Grundlage für weitere Entwicklungen geschaffen. Hier und im späteren Rumänien jenseits der Karpaten entstand und blühte zwischen ca. 4.800 und 3.200 v. Chr. eine der faszinierendsten archäologischen Kulturen. Nach zwei ihrer Fundorte bekam sie den Doppelnamen Cucuteni-Tripolje (heute öfter in der ukrainischen Form Trypillja). Bemerkenswert ist die hochwertige formschöne Keramik mit ihren geschwungenen Verzierungen, sicher ein Erbstück der Bandkeramik. Noch mehr jedoch erwecken die riesigen, meist kreisförmig angelegten, Siedlungen dieser Kultur unser Erstaunen. Taljanki z.B. erstreckte sich über eine Fläche von 400 ha und hatte vermutlich bis zu 14.000 Einwohner. Hier erscheinen auch die ersten Werkzeuge, Waffen und Schmuckstücke aus Kupfer. Damit beginnt das Zeitalter der Metalle.

Während in der für Ackerbau und Viehzucht günstigen Wald-Steppen-Zone die Trypillja-Kultur blüht, beginnen die südlich davon lebenden Steppenbewohner in der 1. Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. mit der Errichtung der ersten Grabhügel (Kurgane), eine Tradition, die sich trotz oftmaligen Wechsels der Bevölkerung, bis ins Mittelalter erhalten wird.

Nach der Bauart der unter den Hügeln verborgenen Grabkammern benennen heutige Archäologen einige der nun aufeinanderfolgenden Kulturen. Grubengrab- Jamnaja, 3.600–2.300 v. Chr. ), Katakombengrab- (2.500–2.000 v. Chr.) und Balkengrabkultur (Srubna, 1.600–1.200 v. Chr.) lösen einander ab. Gegen Ende der Jamnaja-Kultur, in der 2. Hälfte des 3. Jahrtausends erscheinen die ersten Wagen in den Gräbern. So ergraben im Kurgan Luk’ janovka bei Krivoj Rog. Auf vier plumpen Scheibenrädern rollten diese Gefährte, wohl von Rindern gezogen, durch das offene Steppenland und machten dessen Erschließung für die Menschen erst möglich.

Auch in der Metallurgie stellten sich Fortschritte ein. Man legierte jetzt Kupfer mit 10 % Zinn. Die so gewonnen Bronze hatte nun bereits die Eigenschaften weichen Stahls sowie die Farbe gediegenen Goldes. Damit eignete sie sich sowohl für Waffen und Werkzeuge als auch für die Schmuckherstellung. Und sie gab einer ganzen Epoche, der Bronzezeit, ihren Namen, die zu Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. mit dem Aufkommen des Eisens langsam ausklang.

Zwei der interessantesten Fragen der Vorgeschichtsforschung betreffen diese Zeiten. Dabei geht es einmal um nichts geringeres als die Domestikation des Pferdes, seine erstmalige Nutzung als Zug- und Reittier. In Dereivka, Oblast Kirowohrad, stammen 60 % der dort gefundenen Knochen vom Pferd. Einige Forscher wollen Abnutzungsspuren an den Zähnen der Tiere beobachtet haben, was auf den Gebrauch von Trensen und somit der Nutzung des Pferdes als Zug- oder gar Reittier deuten könnte.

Weiterhin geht es um das Ursprungsgebiet der indoeuropäischen Sprachfamilie. Für die Wissenschaftler Maria Gimbutas und David W. Anthony liegt dieses gerade hier in den nordpontischen Steppen. Jüngste genetische Untersuchungen an menschlichem Skeletten aus dieser Zeit in Mitteldeutschland deuten tatsächlich auf die Zuwanderung von Bevölkerungsgruppen aus dem Osten zu Beginn des 3. Jahrtausends v. Chr., die mit dem Begriff der Schnurkeramik verbunden sind.

Im 8. Jahrhundert v. Chr. wurde es eng in der Ägäis und die griechischen Poleis begannen mit der Gründung von Kolonien rund um das Mittelmeers. Ihre schlanken Schiffe fuhren vorbei an den sagenumwobenen Ruinen Trojas durch die Dardanellen und erreichten so auch die Nordküste des Schwarzen Meeres. Pontos Euxeinos – das Gastliche Meer – so nannten sie es. In rascher Folge entstanden Städte wie Tyras nahe dem heutigen Odessa, Olbia an der Mündung des Bug, Chersonessos, Theodosia und Pantikapaion auf der Krim.

Griechischen Autoren verdanken wir auch die erste namentliche Erwähnung eines der Steppenvölker. Homers Odyssee (wohl 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr.) berichtet uns von Kimmerischen Männer, die am Ende der Welt in steter Dunkelheit ihr Leben fristen. Wesentlich genauer beschreibt uns Herodot im 5. Jahrhundert v. Chr. in seinen "Historien" die Verhältnisse jenseits der nördlichen Küsten. Zu dieser Zeit haben die Skythen längst die Kimmerer verdrängt und sind die unumschränkten Herren in Steppe und Waldsteppe. Selbst der Perserkönig Darius scheiterte 513 v. Chr. bei einem Versuch, in ihr Land vorzudringen.

Mit den griechischen Pflanzstädten entwickelte sich eine enge Symbiose. Skythische Adlige zeigten ein reges Interesse an griechischer Lebensweise und Kunst. Das brachte Prestige. Hellenische Handwerker arbeiteten für die Eliten der Steppe. In klassischer Manier wurden jetzt bärtige Skythen mit langen Haaren und Hosen dargestellt. Nach Griechenland kamen dafür Getreide, Holz – und Sklaven. Aus diesen rekrutierte sich z.B. die Athener Stadtpolizei.

Bei aller Nähe und Bereitschaft zur Übernahme kultureller Eigenheiten aus dem Süden ließen die Skythen aber auch nie einen Zweifel aufkommen, wer die Herren im nordpontischen Hause waren. Von ihrer ökonomischen Leistungsfähigkeit zeugen eine ganze Reihe noch heute beeindruckender Befestigungsanlagen, sogenannte Gorodischtes, wie beispielsweise die von Bilsk im Oblast Poltawa. Noch heute erheben sich deren mächtige Wälle teilweise bis in eine Höhe von 12 m und umschließen die nur etwas über Tausend Einwohner zählende heutige Siedlung.

Genauso beeindruckend sind die noch erhaltenen Grabhügel aus skythischer Zeit. Der höchste von ihnen, die Netschajewa Mogila, überragt seine Umgebung um gut 16 m. Nur 40 km von diesem entfernt liegt der gut untersuchte Hügel von Tschertomlyk bei Nikopol. Viele dieser Grabstätten wurden schon in der Vergangenheit geplündert – man wusste, wie bei den ägyptischen Pyramiden, welche begehrenswerten Schätze sie bargen. Andere konnten von den Archäologen sorgfältig ausgegraben und die wertvollen Grabbeigaben für die Nachwelt gesichert werden. So stammt der berühmte Goldkamm (heute in der Eremitage, Sankt Petersburg) mit der Darstellung dreier kämpfender Krieger aus einem Nebengrab des Kurgans von Solocha.

Den Skythen folgten die Sarmaten, die griechischen Poleis wurden Teil des Imperium Romanum, dass in der Zeit der Cäsaren den Großteil der Schwarzmeerküsten beherrschte. Besonders die schwer gepanzerte sarmatische Kavallerie war eine Bedrohung für die Römer. Sie lösten dieses Problem, indem sie die Sarmaten als Auxiliartruppen in ihr Heer eingliederten, die so wortwörtlich zu frühen Vorreitern mittelalterlichen Rittertums wurden.

Seit Beginn des 3. Jahrhunderts n. Chr. entstand nordwestlich des Schwarzen Meeres ein unter dem Namen Goten bekannter Zusammenschluss verschiedenster Völker, dessen archäologische Hinterlassenschaft von der Forschung teilweise mit der Tschernjachow-Kultur in Verbindung gebracht wird. Obwohl sich ihr Machtbereich vielleicht von der Donau bis zum Ural erstreckte, konnten sie den seit 375 n. Chr. aus dem Osten anstürmenden Hunnen nicht widerstehen. Von diesen neu aufgetauchten Steppenkriegern unterworfen, zogen sie mit ihnen weiter nach Westen, kämpften in Gallien mit Attila auf den Katalaunischen Feldern und gründeten schließlich nach dem Tod des Hunnenkönigs unter Theoderich ihr eigenes Reich in Italien mit Ravenna als Zentrum.

Jetzt tauchen die Awaren aus dem Osten auf, teilweise zusammen mit von ihnen abhängigen Slawen bedrohen sie Konstantinopel und liefern sich im fernen Westen Schlachten mit den Heeren Karls des Großen.

Auch das Volk der Chasaren hat seinen Anteil an der ukrainischen Frühgeschichte. Um 850 erstreckt sich ihr Reich bis zum Dnepr und umfasst große Teile der Krim. Ihre Führungsschicht bewies an der Wende vom 8. zum 9. Jahrhundert n. Chr. ein beachtliches religionspolitisches Gespür. Ständig in Auseinandersetzungen mit dem muslimischen Kalifat und dem christlichen Byzanz verwickelt, traten die Aristokraten, aber auch ein Teil des einfachen Volkes, zum Judentum über.

Ihnen folgen die Petschenegen. 896 schlagen und verdrängen sie die Ungarn nach Westen, wo diese bald zum großen Problem des entstehenden Deutschen Reiches werden sollen. Selbst  Kiew wird von ihnen belagert und dessen Großfürst Swjatoslaw 972 gefangen genommen und getötet.

Als letztes Volk erscheinen die Polowzer Mitte des 11. Jahrhunderts, je nach Quelle auch unter den Namen Kumanen und Kiptschaken bekannt, auf der steppengrasbewachsenen Bühne. Als eisenzeitliche Reiternomaden unterscheiden sie sich nicht allzu sehr von ihren Vorgänger. Auf jeden Fall erwähnenswert aber sind ihre zahlreichen und über das ganze Land verstreuten Steinfiguren. Kamenaja baba (steinernes Weib) nannte sie der russische Volksmund, obwohl ein großer Teil von ihnen deutlich männliche Merkmale aufweist. Über 1000 dieser Skulpturen haben die Zeiten überdauert. Mehrere von ihnen befinden sich im Besitz des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte.

Ein bleibendes Denkmal setzte diesen Kamenaja Babas auch der Komponist Alexander Borodin mit seiner Oper "Fürst Igor", deren Handlung auf dem "Igorlied", dem ältesten literarischen Denkmal der Kiewer Rus, basiert. Anregung für die Komposition der "Polowetzer Tänze" suchend, reiste Borodin sogar nach Ungarn, wohin sich Nachfahren dieser Nomaden vor den anrückenden Mongolen zurückgezogen hatten. Denn diese brachten im 13. Jahrhundert sowohl den Polowzern als auch der Rus und deren Hauptstadt Kiew ein blutiges Ende.

Doch das ist bereits eine andere Geschichte.
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